Politik · Deutschlands Brandmauer
48 Stimmen verschaffen der AfD eine historische Präsidentschaft – aber noch keine Regierung
Tobias Rauschs Sieg mit 48 Stimmen verleiht der extremen Rechten parlamentarische Macht. Die geheime Abstimmung beweist weder eine Unterstützung durch die CDU noch eine Mehrheit für eine AfD-geführte Regierung.
Video in der Originalsprache
Transkript · WIRD GELADEN
Aus dem englischen Original übersetzt.
ThemenverlaufTag 3
1 Bericht31 Medien58 Quellen2 Videos
48 Stimmen brachten die rechtsextreme AfD an die Spitze des Parlaments von Sachsen-Anhalt. Das waren neun mehr als die Partei eigene Sitze hatte – und genug, um Tobias Rausch zum ersten AfD-Politiker zu machen, der zum Parlamentspräsidenten eines deutschen Landesparlaments gewählt wurde. The Guardian bezeichnet das Ergebnis vom 6. Oktober 2026 als erste Präsidentschaft eines Landesparlaments durch die extreme Rechte in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein institutioneller Durchbruch, aber noch kein Sieg bei der Kontrolle über die Landesregierung. 1 11
Dieser Unterschied ist wichtig. Ein Landesverband, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung einstuft, stellt nun den höchsten Repräsentanten des Parlaments. Die Partei hat Einfluss auf die parlamentarischen Abläufe und eine prominente öffentliche Plattform gewonnen. Ob die Unterstützung, die Rausch ins Amt brachte, auch einen AfD-Ministerpräsidenten wählen wird, ist noch offen. 2 40
Die wichtigsten Fakten
Rausch gewann im ersten Wahlgang mit 48 Ja-Stimmen, 29 Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen. The Guardian, DW und die Irish Times bestätigen das Ergebnis. Der offizielle Bericht des Parlaments bestätigt, dass 82 der 83 Mitglieder an der konstituierenden Sitzung in Magdeburg teilnahmen und Eva von Angern die Sitzung um 11 Uhr eröffnete; der zugängliche offizielle Bericht enthält nicht die vollständigen Abstimmungsergebnisse. 1 3 27 4
Später am selben Tag gewann ein weiterer AfD-Politiker, Hans-Thomas Tillschneider, mit 44 Stimmen einen Vizepräsidentenposten. Auch der CDU-Politiker Carsten Borchert wurde Vizepräsident; die AfD besetzte also nicht alle Präsidiumsämter. Borcherts Stimmenzahl ist nicht belegt. 1 6 49
Die Zahlen verraten nicht, wer abgestimmt hat
Im Mittelpunkt der unmittelbaren Kontroverse steht die deutsche Brandmauer – die politische Abgrenzung von einer Zusammenarbeit mit der AfD. Rausch erhielt eindeutig Unterstützung über die eigene Partei hinaus. Die geheime Abstimmung belegt jedoch nicht, ob ein Teil dieser Unterstützung von der Christlich Demokratischen Union von Bundeskanzler Friedrich Merz kam.
Fünf Mitglieder des Bündnisses Sahra Wagenknecht, kurz BSW, hatten angekündigt, Rausch zu unterstützen. AfD und BSW verfügten zusammen über 44 Sitze. Bei einer berichteten erforderlichen Stimmenzahl von 42 hatten diese beiden Parteien genügend Stimmen, um ihn auch ohne eine einzige CDU-Stimme zu wählen. In einem späteren Bericht machte DW diese ausreichende Stimmenzahl ausdrücklich deutlich, während die Prüfung einer möglichen Beteiligung der CDU an Intensität zunahm. 1 3 10 2
Der Unterschied zwischen 44 und Rauschs 48 Ja-Stimmen beträgt vier. Um diese vier Stimmen zuzuordnen, ist jedoch eine Annahme nötig: dass jedes AfD-Mitglied und jeder angekündigte BSW-Unterstützer wie erwartet abgestimmt hat. Eine öffentliche Erklärung bestätigt keine geheime Stimmabgabe. Neun Stimmen mehr als die AfD-Sitze und vier mehr als die gemeinsame Stärke von AfD und BSW sind unterschiedliche Vergleichswerte, keine widersprüchlichen Ergebnisse – und keiner davon identifiziert vier CDU-Abgeordnete. 1 11 2
DW-Korrespondent Simon Young sagte, keine der Personen, die als mögliche CDU-Unterstützer genannt wurden, habe eingeräumt, für Rausch gestimmt zu haben. Auch zur Größe der CDU-Fraktion gehen die Angaben auseinander: Bluewin nennt 14 Mitglieder, die veröffentlichte Zusammenfassung des Wahlergebnisses 15. Die verfügbaren Auszüge der amtlichen Sitzlisten klären diese Abweichung nicht; keine der beiden Zahlen sollte dazu dienen, anonyme Stimmen zuzuordnen. 2 26 11 5
Die angekündigte Unterstützung des BSW ist öffentlich bekannt. Eine mutmaßliche Beteiligung der CDU ist nicht belegt. Politisch folgenlos ist das Ergebnis deshalb nicht: Stimmen über Parteigrenzen hinweg haben einen AfD-Politiker in eine einflussreiche Position gebracht. Es bedeutet jedoch, dass das Ergebnis nicht wahrheitsgemäß als Beweis für eine Koalitionsvereinbarung, eine vollständige Kehrtwende der CDU oder die Zustimmung der Bundesführung dargestellt werden kann.
Eine Plattform für das Ende der Brandmauer
Die Zeit der politischen Brandmauern sollte der Vergangenheit angehören.
Rauschs Erklärung nach seinem Amtsantritt lässt wenig Zweifel an seinem übergeordneten Ziel. Der 35-Jährige wird als Immobilienunternehmer und Wahlkampfmanager der AfD sowie als enger Vertrauter von Ulrich Siegmund beschrieben, dem Kandidaten der Partei für das Amt des Ministerpräsidenten. 24 28 27 50
Das Amt des Parlamentspräsidenten ist nicht bloß eine Ehrenbezeichnung. Laut der offiziellen Beschreibung des Landtags leitet dessen Präsident die Sitzungen des Landtags und des Ältestenrats und ist der höchste Repräsentant des Parlaments. Diese Aufgaben verschaffen Rausch verfahrensbezogenen Einfluss und öffentliches Ansehen. Sie machen ihn nicht zum Ministerpräsidenten und verleihen ihm keine exekutiven Befugnisse der Landesregierung. 40
Am Morgen der Abstimmung versammelten sich draußen auf dem Domplatz etwa 500 Menschen; Demonstrierende riefen „Nazis raus“. Der Landtag liegt direkt gegenüber dem Magdeburger Dom. Ihr Protest richtete sich dagegen, dass die extreme Rechte dem Parlament vorsteht; er lieferte keine Belege dafür, wie einzelne Abgeordnete abgestimmt hatten. 8 34 42
Am 7. Oktober erklärte Merz, eine Stimme für die AfD sei mit den Werten der CDU unvereinbar, schade der Glaubwürdigkeit der Partei und spiele den Extremisten in die Hände. Die SPD forderte von ihrem Koalitionspartner CDU Erklärungen. Zugleich warnte Merz vor voreiligen Schlussfolgerungen über die Herkunft der Stimmen. Sie könnten von einer anderen Partei gekommen sein, sagte er und brachte die Möglichkeit einer „False-Flag“-Aktion ins Spiel. Diese Möglichkeit ist Spekulation, kein Beweis für eine koordinierte Täuschung. 33 37 38
Bluewin berichtet, dass die Vorsitzenden der CDU-Fraktion vor der Abstimmung eine Enthaltung empfohlen hatten. Aus den letztlich fünf Enthaltungen geht nicht hervor, ob sich die Fraktion an diese Empfehlung hielt. Eine Anweisung belegt, was die Vorsitzenden wollten, nicht, wie die Mitglieder abgestimmt haben. 26 1
Einstufung als extremistisch ist kein Verbot
Die Einstufung betrifft konkret den AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt. Der Landesverfassungsschutz stufte ihn am 7. November 2023 als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ ein. Berichte vom September 2026 bekräftigten diesen Status; DW nannte Sachsen-Anhalt in einem Bericht vom 7. Oktober als einen von drei AfD-Landesverbänden, die als rechtsextrem eingestuft sind. 51 53 54 2
Davon zu unterscheiden ist der Status der Bundespartei beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Das Bundesamt stufte die AfD auf Bundesebene am 2. Mai 2025 als rechtsextrem ein, setzte diese Einstufung am 8. Mai bis zum Abschluss des Rechtsstreits aus, und eine einstweilige gerichtliche Anordnung setzte die Einstufung des Bundesamts am 26. Februar 2026 aus. Daraus folgt nicht, dass die separate Einstufung des Landesverbands Sachsen-Anhalt aufgehoben wurde. Keine der beiden Einstufungen ist ein gerichtliches Verbot der Partei. 57 56 55
DW berichtete, Parteien in Berlin hätten eine rechtliche Prüfung dazu beantragt, ob die Beweislage einen AfD-Verbotsantrag stützen könnte. Eine abgeschlossene Prüfung, ein formeller Antrag oder ein eingeleitetes Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht sind nicht belegt. Zu prüfen, ob ein Verbot angestrebt werden soll, ist nicht dasselbe, wie vor Gericht einen Antrag zu stellen, und stellt kein unmittelbares rechtliches Hindernis für Rauschs Amtsantritt dar. 3
Im Dezember folgt die Bewährungsprobe für die Exekutive
Dem Durchbruch war die Landtagswahl am 6. September vorausgegangen, bei der die AfD fast 44% der Stimmen erhielt. Eine veröffentlichte Zusammenfassung des Wahlergebnisses nennt 43.8%, obwohl dieser Prozentsatz im zugänglichen Auszug des amtlichen Ergebnisses nicht zu sehen war. Mit 39 Sitzen verfehlte die Partei die absolute Mehrheit im 83-köpfigen Parlament. 1 29 11 5
Siegmund muss weiterhin Unterstützung zusammenbringen, um Ministerpräsident zu werden. The Guardian berichtet, er habe bis Dezember Zeit, eine Regierung zu bilden; DW erwartet die Wahl des Ministerpräsidenten durch das Parlament im Dezember 2026. Ein genaues Datum oder eine unabhängig bestätigte gesetzliche Frist für die Regierungsbildung ist nicht belegt. 1 2
Die AfD will 2029 auch auf Bundesebene um die Macht kämpfen. Diese Ambitionen sind keine gesicherten Ergebnisse. Die Unterstützung für Rausch und Tillschneider zeigt Unterstützung für parlamentarische Ämter, nicht unbedingt für Siegmund oder ein AfD-geführtes Kabinett. Die nächste entscheidende Frage ist, ob eine Mehrheit die Partei vom Vorsitz im Parlament zur Führung der Regierung bringt. 3
Für diesen Bericht verwendete Quellen
Der Wahlbericht von The Guardian 1; die DW-News-Sendungen vom 7. Oktober 2 und 6. Oktober 3; der Bericht des Landtags über seine konstituierende Sitzung 4; amtliche Unterlagen zur endgültigen Sitzverteilung 5; MDR 6; ZDF 7; der Wahlbericht von DW 8; Handelsblatt 9; FAZ 10; die veröffentlichte Zusammenfassung des Wahlergebnisses 11; Schwäbische 12.
Verfassungs- und Verfahrensunterlagen des Landtags 13 14 15; die kommentierte Tagesordnung für Oktober 16; die englischsprachige Seite des Landtagspräsidenten 17; Mitteilung des Parlaments 18; frühere Verfassungsfassung 19; Seite mit Rechtsverweisen 20; Erläuterung zur Konstituierung des Parlaments 21; Bericht von Tagesschau über die Sitzung 22.
Berichte der BBC 23; Politico 24; GermanPolicy 25; Bluewin 26; die Irish Times 27; Pollar 28; Euronews 29; The Local 30; der Bericht der BBC auf einer alternativen Domain 31.
DW-Bericht zur CDU-Prüfung 32; Tagesschau über Merz 33; Anadolu 34; deutschsprachiger DW-Bericht 35; Süddeutsche Zeitung 36; Spiegel über Merz 37; Berichte des Tagesspiegel zu Koalitionsreaktionen und Protest 38 39.
Beschreibung des Landtagspräsidenten und der Vizepräsidenten 40; Sitzungsagenda 41; Gebäudebeschreibung 42; Impressum der Institution 43; Parlamentsüberblick 44; Protestvorschau von Meetingpoint Magdeburg 45; offizieller Parlamentsflyer 46; vorläufiges Dokument zur Sitzverteilung 47.
Deutschland.de 48; Spiegel-Bericht über den Sitzungsleiter 49; Der Standard 50; Mitteldeutsche Zeitung 51; Material aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes 52; Politico zur Einstufung des Landesverbands 53; Diebewertung 54; Reuters zur einstweiligen Anordnung auf Bundesebene 55; Euronews zur Aussetzung auf Bundesebene 56; BBC zur Einstufung auf Bundesebene 57; die veröffentlichte Übersicht zur AfD Sachsen-Anhalt 58.
Wie ausgestrahlt 21 Zeilen
- The far-right AfD has won a German state-parliament speakership for the first time. Its Saxony-Anhalt branch is classified as a confirmed right-wing extremist endeavour, and now supplies parliament’s highest representative. But the party has not won the state government. Can the support that elected its speaker also deliver executive power?
- Eighty-two of the 83 legislators attended the new parliament’s opening sitting in Magdeburg on 6 October 2026. Eva von Angern opened proceedings at 11 a.m. The ninth-term Landtag then elected Tobias Rausch as its president, or speaker.
- Rausch received 48 votes in favour, with 29 against and five abstentions: 82 secret ballots. His election marks Germany’s first far-right regional parliamentary speakership since the Second World War. The result establishes his victory, not the identity of any voter.
- Hans-Thomas Tillschneider, another AfD politician, won a vice-presidency later that day with 44 votes. But CDU politician Carsten Borchert also became a vice-president. His vote total has not been established. The AfD did not take every presiding office.
- The decisive political question is not whether Rausch attracted votes beyond his party. He did. It is whether those votes prove that Chancellor Friedrich Merz’s conservatives crossed their own firewall against cooperation with the AfD. The ballot does not establish that.
- The AfD held 39 seats. Five BSW members announced support for Rausch, bringing their combined strength to 44. With 42 votes needed, those two parties could elect him without any CDU votes. He ultimately received 48.
- That leaves nine votes beyond AfD strength, or four beyond combined AfD–BSW strength. Those figures are not contradictory: they use different baselines. The four-vote calculation assumes all 39 AfD members and all five BSW members voted as expected. A public promise does not verify a secret ballot.
- No individual CDU vote for Rausch has been established, and no named possible CDU supporter has admitted casting one. Even the CDU group’s size remains unresolved between 14 and 15; neither number identifies the anonymous ballots.
- A complete party-by-party seat allocation has not been established either. What is public is the BSW members’ announced support. What remains unknown is who supplied each ballot. Cross-party support for a speaker is not a coalition agreement, a wholesale CDU policy reversal, or proof that its national leadership sanctioned cooperation.
- Rausch wants political firewalls consigned to the past. His victory gives that ambition an institutional platform. The 35-year-old real-estate entrepreneur and AfD election manager is a close confidant of Ulrich Siegmund, the party’s candidate seeking to lead the state government.
- The speaker chairs meetings of the Landtag and its Council of Elders and serves as parliament’s highest representative. Those duties confer influence over proceedings and a prominent public platform. They do not make Rausch minister-president or give him the executive powers of the state government.
- About 500 people gathered on Cathedral Square on the morning of the vote, chanting “Nazis out.” The Landtag stands directly opposite Magdeburg’s cathedral. The protest opposed the far right heading the chamber; it did not establish which legislators supplied the votes.
- Friedrich Merz condemned voting for the AfD on 7 October. He said it was incompatible with CDU values, damaged the party’s credibility and played the extremists’ game. The SPD demanded explanations from its CDU coalition partner.
- But Merz also warned against premature conclusions about the votes’ origin. He suggested they could have come from another party and raised a possible “false flag” explanation. That possibility is speculation, not evidence of a coordinated deception. His condemnation does not resolve who voted for Rausch.
- The CDU’s parliamentary leadership recommended abstention before the ballot. Only five abstentions were recorded in the result. Neither the instruction nor that total proves whether the CDU group complied: the secrecy protects every individual member’s vote.
- The extremist designation applies specifically to the AfD’s Saxony-Anhalt branch. The state domestic intelligence service classified it as a confirmed right-wing extremist endeavour on 7 November 2023, and that status was reiterated in September 2026. Saxony-Anhalt is one of three AfD state branches carrying that classification.
- The nationwide party’s federal classification followed a different path: designation on 2 May 2025, suspension pending litigation on 8 May, and a court injunction on 26 February 2026. Those federal developments do not establish that Saxony-Anhalt’s separate state designation was lifted.
- A classification is not a court order banning the party. Parties in Berlin requested a legal assessment of whether evidence could support an AfD ban application. No completed assessment, formal application or initiated constitutional ban proceeding has been established.
- The parliamentary breakthrough rests on a strong electoral result: 43.8%, nearly 44%, in the 6 September 2026 state election. That gave the AfD 39 of the chamber’s 83 seats—short of an outright majority. Votes for its presiding officers do not necessarily translate into votes for an AfD-led cabinet.
- Ulrich Siegmund still has to assemble support to become minister-president. The parliamentary vote is expected in December 2026. No exact voting day or independently verified statutory formation deadline has been established. The AfD also aims to challenge for national power in 2029.
- Those remain ambitions, not secured outcomes. The answer to whether the speaker’s majority can deliver executive power is still unknown: neither the secret ballot nor the vice-presidency vote establishes a majority for Siegmund. Electing him minister-president would give the AfD executive authority that Rausch’s parliamentary office does not confer.
Quellen
58 Quellen31 Medien2 Videos
Quellenkarte
Verfolgen Sie die Belege zu diesem Bericht. Die Karte zeigt die Zusammenhänge; die Links darunter öffnen die im Artikel zitierten Quellen.
Die Quellenkarte lädt, während Sie lesen.
Übersetzung aktualisiert:
Änderungsprotokoll
- r1Erstmals veröffentlicht.
