Justiz · Verlorene Mordbeweise

Die Polizei wusste, dass Beweise fehlten. Wie gelangte der Fall Byron Carr vor Gericht?

Die Anklagebehörde ließ sämtliche Anklagen gegen Todd Joseph Irving wegen der Tötung von 1988 fallen. Die Polizei wusste 2007, dass entscheidende Beweisstücke fehlten; wie sie mit diesen Verlusten umging, ist weiterhin ungeklärt.

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Wie konnte ein Mordfall vor Gericht gelangen, obwohl die Polizei seit Jahren wusste, dass zwei entscheidende Beweisstücke fehlten?

Das ist die Frage, die der Zusammenbruch des Strafverfahrens wegen der Tötung von Byron Carr im Jahr 1988 in Charlottetown aufwirft. Am 13. Oktober 2026 ließ die Anklagebehörde vor dem Supreme Court von Prince Edward Island sämtliche Anklagen gegen Todd Joseph Irving fallen, darunter Mord ersten Grades und die Beeinträchtigung menschlicher Überreste. Eine zweiminütige Anhörung endete damit, dass Irving von diesen Anklagen unbelastet das Gericht verließ. Die Anklagebehörde erklärt, der Fall werde nicht erneut vor Gericht kommen. 9 17 1

Die unmittelbare Erklärung steht fest: Die Polizei konnte das Handtuch, mit dem Carr erwürgt wurde, und das mit der Messerattacke in Verbindung gebrachte Messer nicht finden. In CBCs schriftlichem Bericht wird es als ein am Tatort gefundenes Messer beschrieben. Eine Überprüfung deckte außerdem erhebliche Lücken beim Umgang mit weiteren Beweismitteln auf. Die umfassendere Erklärung – wie mit den bekannten Verlusten umgegangen wurde, bevor Anklage erhoben wurde, und warum die verbleibenden Beweise letztlich keine Strafverfolgung mehr ermöglichten – fehlt weiterhin. 3 1

Die Entdeckung erfolgte nicht erst nach der Festnahme. Die Polizei räumte ein, dass ihr bekannt war, dass Messer und Handtuch fehlten, als sie den ungeklärten Fall 2007 wieder aufnahm. Dennoch stützte sie sich auf forensische DNA-Beweise, um Irvings Festnahme und die Anklagen im Jahr 2024 zu begründen. Diese Tatsachen belegen nicht, dass die Anklageerhebung unrechtmäßig war. Sie belegen jedoch, dass die Ermittlungen trotz einer schwerwiegenden, bekannten Beweisschwäche vorangetrieben wurden. 1 2

Carr war Lehrer an der Montague Regional High School. Im November 1988 wurde er erwürgt und erstochen in seinem Haus an der Lapthorne Avenue in Charlottetown aufgefunden. Die Familie wartete jahrzehntelang auf ein Strafverfahren; die Festnahme eröffnete die Möglichkeit, dass die Vorwürfe endlich vor Gericht geprüft würden. 6 1

Bekannte Verluste vor der Festnahme

  1. November 1988

    Byron Carr wird tot in seinem Haus in Charlottetown aufgefunden; er wurde erwürgt und erstochen.

    16
  2. 2007

    Die Polizei nimmt den Fall wieder auf und weiß, dass Messer und Handtuch fehlen.

    12
  3. 2024

    Forensische DNA-Beweise stützen Irvings Festnahme und die Anklagen.

    1
  4. 13. Oktober 2026

    Die Anklagebehörde lässt vor dem Supreme Court von P.E.I. sämtliche Anklagen fallen.

    917

Mehr als zwei fehlende Gegenstände

Nach der berichteten Einschätzung der Anklagebehörde bestand keine hinreichende Aussicht mehr auf eine Verurteilung. Das fehlende Messer und Handtuch waren zentral, doch das Problem beschränkte sich nicht auf deren Fehlen. CBC berichtete von erheblichen Lücken bei weiteren Beweismitteln; eine Zusammenfassung von Particle beschrieb Versäumnisse bei der Identifizierung, Nachverfolgung und Dokumentation der übrigen Beweisstücke. 10 1 14

Dieser Unterschied ist wichtig. Beweismittel aufzubewahren bedeutet mehr, als einen Gegenstand irgendwo zu verwahren. Ermittler müssen ihn auch identifizieren und seinen Umgang dokumentieren können. Die verfügbaren Berichte enthalten weder die vollständige Überprüfung noch ein Verzeichnis der Beweisstücke, aus dem genau hervorginge, welche Mängel welche Beweismittel betrafen.

Nosymag zufolge betrafen die Verluste die Mehrheit der Sachbeweise. Ohne ein Verzeichnis oder eine Gesamtzahl, an der sich diese Aussage messen ließe, lässt sich der Anteil nicht überprüfen. Ebenso gibt es keine belegte Darstellung darüber, wo oder wann Messer und Handtuch verschwanden, wer sie zuletzt in der Hand hatte oder ob sie entsorgt, vernichtet oder verlegt wurden. Dass die Polizei 2007 wusste, dass sie fehlten, bedeutet weder, dass sie in jenem Jahr verschwanden, noch, dass ihr Fehlen damals erstmals entdeckt wurde. 10 1

Auch bei den DNA-Beweisen bleibt eine wichtige Lücke. Aus den verfügbaren Berichten geht hervor, dass sich die Polizei auf forensische DNA stützte, nicht aber, woher die Probe stammte, wann sie untersucht wurde, wie stark eine Übereinstimmung war oder in welchem genauen Zusammenhang sie mit den mutmaßlichen Straftaten stand. Ebenso wenig geht daraus hervor, ob das fehlende Messer oder Handtuch relevante DNA enthielt oder welchen Nutzen die Proben und Unterlagen für Ermittlungen heute haben könnten. 1

Aus der Einstellung des Verfahrens lässt sich nicht schließen, dass DNA-Beweise gefälscht oder eine Übereinstimmung widerlegt wurde. Ebenso belegt das Vorliegen von DNA-Beweisen nicht, dass die Anklagebehörde die übrigen Beweisprobleme hätte überwinden können. Das Scheitern der Anklage betrifft das, was sich im Gesamtzusammenhang des Falls beweisen ließ, nicht das Ergebnis einer nicht näher bezeichneten forensischen Untersuchung.

In der Berichterstattung wird der Beschuldigte unter zwei Nachnamen geführt. The Canadian Press bezeichnet Todd Joseph Gallant als auch bekannt unter dem Namen Todd Joseph Irving. In der Erklärung der Polizei vom 13. Oktober steht Gallant; CBC verwendet in der Gerichtsberichterstattung Irving. Es handelt sich um zwei Namen für denselben Beschuldigten, nicht um zwei Angeklagte. 13 5 3

Irving wurde in diesem Fall nicht verurteilt. Die Einstellung des Verfahrens ist weder eine Feststellung der Schuld noch ein Freispruch nach einem Prozess, der belegen würde, dass die Vorwürfe widerlegt wurden. Die Aussage der Anklagebehörde, der Fall werde nicht erneut vor Gericht kommen, ist ihre Position zu diesem Strafverfahren und kein unabhängig bestätigtes rechtliches Verbot sämtlicher denkbarer künftiger Verfahren. Das laut Berichten von einem ehemaligen Polizeichef geäußerte Vertrauen, Irving sei die richtige Person, bleibt die Überzeugung dieses Einzelnen; die verfügbaren Berichte legen ihre Grundlage nicht offen. 1 2

Ein Eingeständnis ist noch keine Rechenschaft

Carrs Familie und Mitglieder der LGBT+-Gemeinschaft von Prince Edward Island hatten die Festnahme begrüßt. Sie begrüßten damit die Aussicht auf Rechenschaft, nicht ein Urteil. Sein Bruder John beschreibt die Familie nun als enttäuscht und weiterhin verletzt; zugleich möchte die Familie wissen, wie die Beweise verloren gingen. 2 1 16

Wahrheit ist nicht immer gleich Gerechtigkeit.

John Carr 16

Sein Bruder sagte gegenüber CBC außerdem: „Nichts, wozu er verurteilt werden könnte, würde Byron je zurückbringen.“ Keine der beiden Aussagen klärt die Vorwürfe gegen Irving. Sie bringen zum Ausdruck, was das Ende dieses Strafverfahrens für eine Familie bedeutet: Kein Strafmaß könnte Carrs Leben zurückgeben, aber nun wird es in diesem Fall auch keinen Prozess geben. 4

In seiner Erklärung vom 13. Oktober erkannte der kommissarische Polizeichef von Charlottetown, Darren MacDougall, „die Ernsthaftigkeit der festgestellten Bedenken“ an. Die ordnungsgemäße Sicherung, Dokumentation und Aufbewahrung von Beweismitteln bezeichnete er zudem als „grundlegende Pflichten“. Diese Worte erkennen die institutionelle Verantwortung an. Sie benennen jedoch weder den Mitarbeiter noch das Verfahren oder die Entscheidung, die für das Versagen verantwortlich waren. 5

Die Polizei schließt eine unabhängige Prüfung oder eine Prüfung durch Dritte nicht aus. Das ist keine Bestätigung, dass eine solche Prüfung beauftragt wurde. In den verfügbaren Berichten sind weder ein bestätigter externer Prüfer noch ein Prüfauftrag, ein Starttermin oder eine Frist für die Veröffentlichung des Berichts belegt. Die Prüfung, bei der vor der Einstellung des Verfahrens Beweislücken festgestellt wurden, darf nicht mit der davon getrennten Frage einer unabhängigen Kontrolle verwechselt werden. 1

Die Eingangsfrage lässt sich daher nur teilweise beantworten. DNA half der Polizei, die Ermittlungen trotz bekannter fehlender Beweisstücke voranzutreiben; fehlende Beweise und weitergehende Lücken beim Umgang mit ihnen trugen letztlich dazu bei, dass das Strafverfahren endete. Ungeklärt bleibt, wie diese Schwächen zwischen der Wiederaufnahme des Falls und der Anklageerhebung bewertet und bewältigt wurden.

Das Strafverfahren ist an seinem Ende angelangt. Die Rechenschaftspflicht der Polizei ist es nicht. Die Pflicht zur Aufbewahrung von Beweismitteln anzuerkennen, ist ein Anfang; noch geschuldet sind Erklärungen dazu, wie diese Pflicht verletzt wurde und was eine Wiederholung verhindern soll.

Quellen

CBC News: Polizei verlor wichtige Beweise in einem ungeklärten Mordfall auf P.E.I. Nun wurden alle Anklagen fallen gelassen. 1 CBC News, Hanomansing Live: Anklagen wegen ungeklärter Tötung auf P.E.I. zurückgezogen, weil die Polizei wichtige Beweise verlor. 2

CBC News: Anklagebehörde zieht Anklagen im ungeklärten Mordfall Byron Carr zurück, nachdem wichtige Beweise verloren gingen. 3 Die Polizei von Charlottetown verlor die Beweise in einem ungeklärten Mordfall auf P.E.I. Wie konnte das passieren? 4

Charlottetown Police Services: Erklärung vom 13. Oktober des kommissarischen Polizeichefs Darren MacDougall zum Fall Byron Carr. 5 Homepage der Charlottetown Police Services. 15

Yahoo News Canada: Anklagen im jahrzehntealten ungeklärten Mordfall auf P.E.I. nach Verlust wichtiger Beweise zurückgezogen. 6 CTV News: Anklagebehörde zieht Anklagen zurück, nachdem die Polizei entscheidende Beweise in ungeklärtem Fall auf P.E.I. verloren hat. 7 CityNews Halifax: Anklagen zurückgezogen, nachdem die Polizei entscheidende Beweise in ungeklärtem Fall auf P.E.I. verloren hat. 8

PNI Atlantic News: Anklagebehörde von PEI zieht Anklagen im Mordfall Byron Carr zurück. 9 Nosymag: Mordanklagen auf P.E.I. wegen verlorener Beweise zurückgezogen. 10 Global News: Verlorene Beweise in einem ungeklärten Fall von 1988 führen zum Rückzug der Mordanklage. 11

Particle: Anklagen wegen des Mordes an Byron Carr 1988 zurückgezogen, nachdem die Polizei wichtige Beweise verloren hat. 12 The Canadian Press: Anklagebehörde zieht Anklagen zurück, nachdem die Polizei entscheidende Beweise in ungeklärtem Fall auf P.E.I. verloren hat. 13 Particle: Anklagebehörde von P.E.I. zieht Anklagen im Mordfall Byron Carr von 1988 zurück, nachdem wichtige Beweise verloren gingen. 14

CBC News: Familie von Byron Carr äußert sich, nachdem die Mordanklagen in einem jahrzehntealten ungeklärten Fall zurückgezogen wurden. 16 CBC-Videobericht aus dem Gericht: Der Mann, den die Polizei beschuldigte, Byron Carr 1988 ermordet zu haben, ist nun frei. Was ist passiert? 17 CBC-Video: Anklagen wegen ungeklärter Tötung auf P.E.I. zurückgezogen, weil die Polizei wichtige Beweise verlor. 18 Global News Canada: Familie von Byron Carr äußert sich, nachdem die Mordanklagen in einem jahrzehntealten ungeklärten Fall zurückgezogen wurden. 19

Wie ausgestrahlt 21 Zeilen
  1. Police lost the knife and towel at the heart of Byron Carr's murder prosecution.
  2. The Crown has withdrawn every charge against Todd Joseph Irving and says the case won't return to court. Carr's family has lost the prospect of a trial in this prosecution.
  3. How did police bring the case to court after knowing crucial evidence was missing?
  4. Irving walked out free of those charges after a two-minute hearing. The Crown withdrew the prosecution in Prince Edward Island Supreme Court on October 13, 2026. He had faced first-degree murder and interfering with human remains charges.
  5. The accused also goes by Todd Joseph Gallant. Police used Gallant in their statement about the withdrawal. Both names identify the same man.
  6. Lead Crown lawyer Christopher White handled the explanation for ending the prosecution. The Crown's assessment was that it no longer had a reasonable likelihood of conviction.
  7. Carr was found strangled and stabbed at his home on Lapthorne Avenue in Charlottetown. He taught at Montague Regional High School. His killing left his family and the wider community waiting decades for a prosecution.
  8. The towel had been used to strangle Carr. The knife was found at the scene and linked to the stabbing. Police couldn't locate either exhibit when the prosecution needed them.
  9. Police acknowledged that they already knew both objects were missing when they reopened the cold case in 2007. The losses were known long before Irving's arrest.
  10. Carr was killed in November 1988. Police reopened the case in 2007 knowing the exhibits were missing. Forensic DNA supported Irving's arrest and charges in 2024. The Crown withdrew every charge on October 13, 2026.
  11. Police relied on forensic DNA to move the investigation forward. They haven't explained what DNA was tested or how strongly it connected Irving to the alleged offences.
  12. The prosecution ended over missing exhibits and wider evidence-handling problems. Irving leaves this case without a conviction or a trial verdict. A former police chief had expressed confidence that Irving was the right person. That remains the former chief's belief.
  13. A review found significant gaps in how police handled other evidence, including identifying, tracking and recording the remaining exhibits. The missing knife and towel were central to the Crown's decision, but wider problems also helped make the prosecution untenable.
  14. Police knew the objects were missing in 2007. That tells us when they were already aware of the loss. It doesn't tell us when the objects disappeared.
  15. The family wants police to explain how those exhibits went missing, and how the investigation moved toward charges despite their absence.
  16. Carr's family and members of Prince Edward Island's LGBT-plus community had welcomed the arrest. His brother John now says the family is disappointed and still hurt. He said, “Truth does not always equal justice.”
  17. John also said, “Nothing he could be sentenced to would ever bring Byron back.” His words describe the family's loss and what a sentence could never restore.
  18. The Crown says this prosecution won't return to court. The institution responsible for preserving its evidence still faces demands for an explanation.
  19. Interim police chief Darren MacDougall acknowledged “the seriousness of the concerns identified.” He also called proper evidence collection, documentation and preservation “fundamental responsibilities.” Evidence that police could no longer locate or adequately account for helped end this murder prosecution.
  20. Police haven't ruled out an independent or third-party review of their evidence handling. They haven't confirmed that they've commissioned one. The review that uncovered evidence gaps before the withdrawal leaves the question of separate, independent scrutiny unresolved.
  21. DNA helped police bring charges despite the known losses. Police still haven't explained how they addressed those losses and the wider recordkeeping gaps before laying charges. Nobody has publicly identified who was responsible for the missing evidence.

Quellen

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