Justiz · Nord-Stream-Prozess
Nord-Stream-Prozess beginnt mit Streit darüber, ob der Sabotageakt eine Straftat war
Serhii Kuznetsov bestreitet eine Beteiligung an den Explosionen an den Pipelines. Zum Auftakt seines Prozesses in Hamburg ficht seine Verteidigung auch die Strafbarkeit des Angriffs an; der Vorwurf einer Anordnung durch ukrainische staatliche Stellen ist weiterhin unbewiesen.
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Deutsche Staatsanwälte sagen, Serhii Kuznetsov habe geholfen, zivile Infrastruktur anzugreifen. Seine Verteidigung sagt, die Zerstörung der russischen Infrastruktur könnte überhaupt keine Straftat gewesen sein. Dieser Konflikt prägte am 14. Oktober 2026 in Hamburg den Auftakt des ersten Strafprozesses wegen des Nord-Stream-Sabotageakts, als seine Anwälte die Einstellung des Verfahrens beantragten. 9 13
Kuznetsov bestreitet eine Beteiligung. Die bedingte Anfechtung der Strafbarkeit des Angriffs durch seine Anwälte ist kein Eingeständnis, dass er ihn ausgeführt hat, und ihr Antrag ist keine Einstellung des Verfahrens. Aus der verfügbaren Berichterstattung vom ersten Verhandlungstag geht weder hervor, dass dem Antrag stattgegeben oder er abgelehnt wurde, noch liegt ein Urteil vor. Auch die Ukraine bestreitet, für die Explosionen verantwortlich zu sein. 9 13 5
Mit dem Verfahren vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg ist der Fall über die Berichte von BBC News und RFE/RL vom 13. Oktober hinaus, wonach der Prozess an diesem Tag beginnen sollte. The Guardian, Associated Press und AFP berichten nun, dass der Prozess begonnen hat. Was ungeklärt bleibt, geht weit über einen Kalendereintrag hinaus: die individuelle Verantwortung, die Rechtmäßigkeit des Angriffs und der Vorwurf, ukrainische staatliche Institutionen hätten ihn angeordnet. 1 7 5 9 12
Das Argument hinter dem Antrag auf Einstellung des Verfahrens
Zu den berichteten Anklagepunkten zählen Beihilfe zu Kriegsverbrechen, Angriffe auf zivile Infrastruktur, Herbeiführung einer Explosion, Sachbeschädigung und Störung öffentlicher Dienste. BBC News beschreibt die Theorie zu den Kriegsverbrechen als einen Angriff auf zivile Objekte mit militärischen Mitteln nach dem deutschen Völkerstrafgesetzbuch. Die vollständige Anklageschrift liegt hier nicht vor. Diese Beschreibungen sollten daher nicht als genaue Wiedergabe gesetzlicher Bestimmungen oder einzelner Anklagepunkte verstanden werden. 5 1
Im Gegensatz zu dieser Anklagethese heißt es in einem Reuters-Bericht vom ersten Verhandlungstag, der von Quews News und The Straits Times veröffentlicht wurde, die Anwälte hätten argumentiert, die Sprengung russischer Infrastruktur könnte keine Straftat gewesen sein. Daneben berichtet AFP, ein Verteidiger habe Russlands Nutzung der Pipelines als „Waffe“ für politischen und wirtschaftlichen Druck bezeichnet. 13 17 16
Diese Charakterisierung ist ein Vorbringen der Verteidigung und keine gerichtliche Feststellung, dass die Pipelines rechtmäßige militärische Ziele waren. In den verfügbaren Berichten wird der Anwalt nicht genannt, kein vollständiges direktes Zitat angeführt, keine bestimmte Doktrin zur Kombattantenimmunität identifiziert und keine Reaktion der Staatsanwaltschaft wiedergegeben. Die Unterscheidung ist wichtig: Ein behaupteter Kriegszweck klärt für sich genommen weder den rechtlichen Status des Ziels noch die Haftung des Angeklagten. 9 13 16
Vor dem Gericht argumentierte eine kleine Gruppe proukrainischer Demonstranten, die Stilllegung der Pipelines habe Moskaus Fähigkeit geschwächt, seinen Krieg zu finanzieren. Ihre Begründung entspricht dem von der Staatsanwaltschaft behaupteten Motiv. Sie belegt nicht, wer die Sprengsätze angebracht hat, ob der Angriff rechtmäßig war oder wie viele russische Einnahmen dadurch tatsächlich verhindert wurden. 2 3
Was laut Staatsanwaltschaft unter Wasser geschah
Die Explosionen ereigneten sich am 26. September 2022 unter der Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm und beschädigten Gaspipelines, die Russland mit Deutschland verbinden. Laut der von RFE/RL berichteten Zusammenfassung der Anklageschrift begannen die Planungen Ende Februar 2022, als Kuznetsov und weitere Militärangehörige angeblich einen Plan ausarbeiteten, die Gaslieferungen über Nord Stream dauerhaft zu stoppen. 5 7
Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten vor, der Plan sei im Auftrag von „staatlichen Stellen in der Ukraine“ ausgeführt worden; BBC News beschreibt den Vorwurf als eine Aktion auf Anordnung ukrainischer staatlicher Behörden. Keine der beiden Formulierungen belegt, welche Behörde beteiligt war, wer die Operation genehmigte oder welche Befehlskette eine amtliche Entscheidung mit den Personen verband, denen die Ausführung vorgeworfen wird. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine ukrainische Beteiligung bestritten. 7 1 5
Kuznetsov wird vorgeworfen, bei der Planung und Durchführung der Operation geholfen zu haben, unter anderem durch die Führung einer Tauchergruppe. Einige Berichte bezeichnen ihn als mutmaßlichen Drahtzieher, doch diese Beschreibung betrifft die operative Verantwortung – nicht den Beweis, dass er die politische Entscheidung herbeiführte oder den endgültigen Befehl gab. Berichte über Anklagen im Juli beschrieben zudem eine mutmaßliche Operation mit einer Jacht; ihre Identität und Route sind nicht ausreichend belegt, um näher darauf einzugehen. 12 4 15
Laut The Guardian betreffen die Vorwürfe mindestens vier Sprengsätze, die jeweils bis zu 27 Kilogramm wogen und etwa 80 Meter unter der Meeresoberfläche detonierten. AP bezeichnet sie als Bomben; The Guardian nennt sie Brandsätze. Diese Beschreibungen klären weder ihre genaue technische Einordnung noch ihre Zusammensetzung. Außerdem sind das Höchstgewicht und die ungefähre Tiefe keine für jeden Sprengsatz einzeln belegten Messwerte. 5 3
Auch bei der Beschreibung der Schäden unterscheiden sich die veröffentlichten Berichte. Im Bericht von BBC News vom 13. Oktober heißt es, drei der vier Pipeline-Stränge seien zerstört worden; im Bericht von euronews vom 14. Oktober heißt es, drei seien beschädigt worden. The Guardian berichtet von schweren Schäden an Nord Stream 1 und Schäden an Nord Stream 2. „Beschädigt“ ist die engere belegte Beschreibung, ohne vollständige Zerstörung jedes betroffenen Strangs zu unterstellen. Dies ist die historische Folge des Angriffs und keine neue Schadensbilanz aus dem Prozess. 1 2 5
Die Beweise müssen noch erklärt werden
Kuznetsov ist Berichten zufolge 50 Jahre alt und wird als ehemaliger ukrainischer Armeeoffizier oder ehemaliger Spezialkräfte-Soldat beschrieben. Sein genauer Rang, seine Einheit und seine Dienstzeiten sind nicht belegt. Hier wird der Name Serhii Kuznetsov verwendet; veröffentlichte Varianten sind Sergei Kuznitsov und Sergiy Kuznietsov, während in deutschen Prozessberichten Serhii K. steht. Diese Schreibweisen belegen nicht, dass es sich um verschiedene Angeklagte handelt. 12 9 18 2 11
Von den Explosionen bis in den Gerichtssaal
- 26. September 20225
Explosionen beschädigen Nord-Stream-Pipelines nahe Bornholm.
- August 20255
Kuznetsov wird während eines Urlaubs in Italien festgenommen.
- Ende 202511
Er wird aus Italien nach Deutschland ausgeliefert.
- 14. Oktober 202659
Der erste Prozess wegen des Nord-Stream-Sabotageakts beginnt in Hamburg; die Verteidiger beantragen die Einstellung des Verfahrens.
FRANCE 24 berichtet, die Staatsanwaltschaft verweise auf Seekarten, die auf Kuznetsovs Mobiltelefon gefunden worden seien, sowie auf Informationen auf seiner Smartwatch. Keine verfügbare Primärquelle erläutert ihren Inhalt, ihre Herkunft, den Zeitpunkt oder ihren genauen Zusammenhang mit dem Sabotageakt. Ein Bericht über derartiges Material beweist nicht, dass er an dem Angriff beteiligt war. 4
Derselbe Korrespondent berichtet, Kuznetsov werde 23 Stunden am Tag in Einzelhaft gehalten. Diese Haftbedingungen sind nicht unabhängig bestätigt worden. Falls die Angaben zutreffen, bedeutet das, dass er während des Verfahrens die meiste Zeit des Tages von anderen Menschen getrennt verbringt – nicht, dass er nach einer Verurteilung eine Strafe verbüßt. 4
Ein Angeklagter, eine größere ungelöste Ermittlung
RFE/RL berichtet, die Staatsanwaltschaft habe sieben ukrainische Verdächtige identifiziert; in diesem Verfahren steht jedoch nur Kuznetsov vor Gericht. FRANCE 24 bezeichnete ihn in einem Bericht vom 14. Oktober als die einzige festgenommene Person. Diese Behauptung widerspricht dem separaten kroatischen Fall um Volodymyr Zhuravlov, der im August 2026 in Pula festgenommen wurde. Ein Reuters-Foto zeigt Zhuravlov am 20. August bei einer Anhörung dort, belegt aber nicht den genauen Tag seiner Festnahme. 7 4 27 25
Die kroatische Zeitung Večernji list berichtete im September von der Genehmigung der Auslieferung und einem angekündigten Einspruch der Verteidigung. Hromadske und Censor.NET nennen den 18. September als Datum der Entscheidung und den 23. September für die Zustellung der schriftlichen Entscheidung. Diese genauen Daten beruhen jedoch auf einer gemeinsamen Berichterstattungskette und nicht auf unabhängig verfügbaren Gerichtsakten. Die Parteien hatten drei Tage Zeit, beim Obersten Strafgericht Einspruch einzulegen; ob tatsächlich Einspruch eingelegt und darüber entschieden wurde, ist nicht belegt. 26 27 28 32
Am 30. September berichtete Jutarnji list unter Berufung auf Zhuravlovs Anwalt, er habe in Kroatien Asyl beantragt, weil er in Deutschland keinen fairen Prozess erwarte. Das ist eine Position der Verteidigung und keine Feststellung zur deutschen Justiz. Auch die Genehmigung der Auslieferung ist keine vollzogene Übergabe: Sein derzeitiger Haftort, die Rechtskraft der Entscheidung, seine Ankunft in Deutschland und eine etwaige Verbindung mit dem Hamburger Verfahren sind weiterhin nicht bestätigt. 30 31
The Guardian berichtet von 16 Verhandlungstagen bis einschließlich 17. Dezember; weitere Anhörungen im Januar und Februar seien wahrscheinlich. Die frühere Beschreibung von RFE/RL, wonach bis mindestens Februar zweimal pro Woche verhandelt werde, gibt einen allgemeineren vorläufigen Zeitrahmen an und keinen Sitzungskalender. Der 17. Dezember ist weder ein zugesagter Abschlusstermin noch ein zugesagtes Urteilsdatum. 5 7
Bekannt
Unbekannt
- Kein belegtes Urteil und keine belegte Entscheidung über die Einstellung des Verfahrens; keine bewiesene Genehmigungskette innerhalb ukrainischer staatlicher Institutionen; keine bestätigte Überstellung Zhuravlovs.
Als Nächstes
- Ob die Beweise Kuznetsovs individuelle Rolle belegen und wie das Gericht die Anfechtung der Strafbarkeit durch die Verteidigung beurteilt.
Bei dem Fall müssen drei Fragen getrennt betrachtet werden: Wer führte den Angriff aus, wer genehmigte ihn und ob das angeklagte Verhalten strafbar war. Beweise, die eine Frage beantworten, können für eine andere von Bedeutung sein, sie aber nicht ersetzen. Weder die Staatsangehörigkeit noch ein politisches Motiv noch die Bezeichnung „Drahtzieher“ liefern die fehlenden Beweise.
Quellen für diesen Bericht
Die Vorschau von BBC News zum Prozess 1 11 und der investigative Bericht 18; der Gerichtsbericht von euronews 2; der Videobericht von AP 3, der Artikel zum Prozessauftakt 9 und der Hintergrundbericht 10; der Korrespondentenbericht von FRANCE 24 4.
Der Prozessbericht von The Guardian 5 und die Live-Berichterstattung aus Europa 6; die Zusammenfassung der Anklage und die Prozessvorschau von RFE/RL 7; „Nord Stream Trial Opens Wednesday in Hamburg“ 8.
Der Bericht von AFP zum Prozessauftakt 12 und der Bericht zur Verteidigung 16; Reuters-Berichte, veröffentlicht von Quews News 13, The Straits Times 17 und WIFC 23; der Prozessbericht von The National 14; ein von Hamburger Anzeiger veröffentlichter AFP-Bericht 19.
Wie ausgestrahlt 24 Zeilen
- Serhii Kuznetsov's lawyers want the Nord Stream sabotage charges thrown out.
- German prosecutors accuse him of helping attack civilian infrastructure on behalf of Ukrainian state authorities. The case reaches into the question of state responsibility for explosions that damaged pipelines connecting Russia and Germany.
- The court must decide whether the evidence proves his role and whether the attack was criminal.
- Kuznetsov appeared at Hamburg's Hanseatic Higher Regional Court on October 14, becoming the first suspect to reach trial. He's 50 and a former Ukrainian army officer, also described as a former special forces soldier.
- His lawyers sought dismissal, arguing that destroying Russian infrastructure might not have been a crime. A defense lawyer also said Russia used the pipelines as a political and economic weapon. Prosecutors treat the operation as an attack on civilian infrastructure.
- Kuznetsov denies involvement. His lawyers' challenge to the attack's legality sits alongside that denial.
- He faces accusations of being an accomplice to war crimes, causing an explosion, damaging property and disrupting public services. The war-crime accusation concerns an alleged attack on civilian objects by military means, under Germany's law covering crimes against international law.
- The explosions struck beneath the Baltic Sea near the Danish island of Bornholm on September 26, 2022. Nord Stream carried gas infrastructure between Russia and Germany. Prosecutors say the operation aimed to stop those deliveries permanently.
- The blasts damaged three of the four pipeline lines. Descriptions differ over whether to call that damage or destruction. Nord Stream 1 was badly damaged, and Nord Stream 2 was also damaged.
- Prosecutors allege that at least four devices were detonated near Bornholm, about 80 metres underwater. The devices allegedly weighed up to 27 kilograms each. Those figures describe a maximum weight and an approximate depth.
- Prosecutors accuse Kuznetsov of helping organize and execute the operation, including leading a group of divers. Some descriptions call him the alleged mastermind. The role alleged against him concerns organizing the operation; who authorized it is still unresolved.
- A July account of the charges also described an alleged operation using a yacht. Prosecutors place the planning in late February 2022, when Kuznetsov and other military personnel allegedly worked on a plan to halt Nord Stream deliveries.
- They allege the plan was undertaken on behalf of Ukrainian state authorities. Their explanation of the motive is to prevent Russian gas revenue from helping finance Russia's war in Ukraine. That puts an alleged wartime objective at the center of a case about civilian infrastructure.
- President Volodymyr Zelenskyy has denied Ukraine's involvement in the blasts. Ukraine's denial confronts the prosecution's allegation of state direction, while Kuznetsov denies his own participation. The court will have to assess the evidence against him.
- Kuznetsov was arrested while on holiday in Italy in August 2025 and extradited to Germany late that year. His October 14 court appearance in Hamburg follows that international arrest and surrender process. The trial now tests the accusations against him.
- Prosecutors reportedly cite nautical charts found on Kuznetsov's phone and information from his smartwatch. Their contents and connection to the attack are unclear. Those claims will need to be assessed alongside the rest of the case.
- Kuznetsov is reportedly held in solitary confinement for 23 hours a day, although those conditions haven't been confirmed. If accurate, he spends most of each day apart from other people while his case is being tried.
- Prosecutors have identified seven Ukrainian suspects, but only Kuznetsov is on trial in these proceedings. Another suspect has also been arrested. Volodymyr Zhuravlov's separate case is moving through the Croatian courts.
- Zhuravlov was arrested in Pula, Croatia, in August 2026. A court photograph places him at a hearing there on August 20. Croatia approved his extradition to Germany in September, and his lawyers announced an appeal.
- The extradition decision is reported as September 18, with the written ruling delivered to the parties on September 23. They had three days to appeal to Croatia's High Criminal Court. The announced appeal's outcome is unclear.
- On September 30, Zhuravlov's lawyer said he had sought asylum in Croatia because he didn't expect a fair trial in Germany. Whether he's since been handed over, or will join the Hamburg proceedings, hasn't been confirmed.
- A small group of pro-Ukrainian demonstrators gathered outside the Hamburg court. They argued that disabling the pipelines weakened Moscow's ability to fund its war. Their argument echoes the alleged motive, but the prosecution still has to prove its case.
- Kuznetsov's responsibility and the defense's challenge to criminality await the court's judgment. No decision on the dismissal request has been announced, and there's no verdict. The allegation of Ukrainian state direction still leaves open who, if anyone, authorized the attack within those institutions.
- The court has 16 trial dates scheduled through December 17. An earlier schedule described twice-weekly hearings until at least February. December 17 therefore isn't a promised finish. Further hearings are likely in January and February.
Quellen
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