Gesundheit · Pestalarm in Sibirien

Russland sagt, die Mitarbeiterin des Pestlabors sei nicht an der Pest gestorben. Fast 200 Menschen hat es trotzdem isoliert

Eine 28-jährige Frau starb, nachdem sie an einem sibirischen Institut zur Pestbekämpfung gearbeitet hatte. Moskau spricht von einer Lungenentzündung unbekannter Ursache und schließt die Pest aus, doch kein öffentliches Laborergebnis stützt eine der beiden Darstellungen.

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  1. Update 1Russland sagt, die Mitarbeiterin des Pestlabors sei nicht an der Pest gestorben. Fast 200 Menschen hat es trotzdem isoliertSie sind hier

Die russische Gesundheitsaufsicht erklärt, eine 28-jährige Frau, die an einem sibirischen Institut zur Pestbekämpfung gearbeitet hat, sei nicht an der Pest gestorben. In denselben Tagen wurden fast 200 Menschen, die Kontakt zu ihr hatten, unter medizinische Beobachtung gestellt, Krankenhausstationen für reguläre Aufnahmen geschlossen und der Leiter der Aufsichtsbehörde soll Berichten zufolge in die Region geflogen sein. Ein Dementi und eine so groß angelegte Reaktion passen nicht recht zusammen, und bislang erklärt nichts Veröffentlichtes diese Lücke. 2 1

Für alles Folgende gilt eine Einschränkung: Nahezu alles beruht auf offiziellen Erklärungen, unbestätigten Berichten und anonymen Quellen.

Die wichtigsten Fakten

  1. ~200Kontaktpersonen unter medizinischer Beobachtung laut russischen Berichten 41
  2. 28Alter der verstorbenen Mitarbeiterin 2
  3. 0Öffentliche Laborergebnisse, die die Pest oder einen anderen Erreger nennen 27

Was Moskau sagt

Die Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor beschreibt ihre Erkrankung als Lungenentzündung unbekannter Ätiologie. Erweiterte Tests ihrer Proben hätten keine mit ihrer Arbeit zusammenhängenden Mikroorganismen ergeben. Eine Kommission habe keinen Unfall mit Krankheitserregern im Institut, in den vorangegangenen zehn Tagen keine Infektionskrankheiten unter den Mitarbeitern und eine stabile Lage in der Region Irkutsk, in Irkutsk und in Schelechow festgestellt. 11 12 6

Ihre Zusammenfassung der Tests bei Kontaktpersonen nannte zwei COVID-19-Fälle und zwei Rhinovirus-Infektionen und keine anderen Infektionserreger. Eine spätere Zusammenfassung besagte, die Beobachtung sei bei etwa 60% der Kontaktpersonen bereits beendet. Der Gouverneur von Irkutsk, Igor Kobsew, sagte, die ermittelten Kontaktpersonen zeigten keine Krankheitszeichen und hätten negative Laborergebnisse. Gennadi Onischtschenko, ein früherer Leiter der Aufsichtsbehörde, sagte, es handle sich höchstwahrscheinlich nicht um die Pest, und eine Ausbreitung wäre selbst dann unwahrscheinlich. 44

Am 5. Oktober nannte Dmitri Peskow vom Kreml Rospotrebnadsor die zuständige Stelle und forderte die Öffentlichkeit auf, Gerüchte und Spekulationen zu ignorieren. 41

Genau gelesen ist das Dementi ein negativer Befund. Es besagt, es sei kein arbeitsbedingter Mikroorganismus gefunden worden und es habe keinen Unfall gegeben. Es nennt nicht, woran sie tatsächlich starb. „Unbekannte Ätiologie“ ist ein Eingeständnis von Unwissen, kein Ausschluss der Pest. Das ist wichtig, weil sowohl die Beruhigung als auch die Quarantäne auf einer Ursache beruhen, die niemand identifiziert hat.

Der Fall

Die Frau wird als Darja Schipilowa genannt, wobei die Schreibweisen variieren. Sie arbeitete am Institut in Schelechow, einer Trabantenstadt von Irkutsk. Berichten zufolge wurde sie am 29. September mit schwerer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert, beatmet und starb in den frühen Morgenstunden des 2. Oktober. Manche Darstellungen nennen die Nacht vom 1. auf den 2. Oktober. Eine Krankenakte wurde nicht veröffentlicht. 4 9

Die Tage rund um den Todesfall

  1. Di., 29. Sept.

    Mit schwerer Lungenentzündung unbekannter Ursache ins Krankenhaus eingeliefert und Berichten zufolge beatmet.

    4
  2. Fr., 2. Okt.

    Stirbt in Schelechow in den frühen Morgenstunden; das Institut ist Berichten zufolge abgeriegelt.

    9
  3. 2.–3. Okt.

    Der Chef von Rospotrebnadsor, Anna Popowa, schließt sich Berichten zufolge einer regionalen Notfallkommission zu einer vermuteten besonders gefährlichen Infektion an.

    44
  4. Sa., 3. Okt.

    Ein Aluminiumwerk in Schelechow bestellt vorsorglich Masken.

    9
  5. So., 4. Okt.

    Rospotrebnadsor erklärt, es sei kein arbeitsbedingter Erreger gefunden worden und es habe keinen Unfall gegeben.

    6
  6. Mo., 5. Okt.

    Der Kreml fordert die Öffentlichkeit auf, Gerüchte zu ignorieren; mehrere Krankenhäuser in Irkutsk bestreiten, geschlossen zu sein.

    41

Wie sich die Linie verschob

Unser frühestes Material, am 5. Oktober etwa einen Tag alt, enthielt nur eine minimale offizielle Linie: Eine Mitarbeiterin eines Pestforschungszentrums habe eine Lungenentzündung unbekannter Ursache, einige Kontaktpersonen stünden ohne Symptome unter Beobachtung, weitere Infektionen seien nicht gemeldet worden und die Lage sei stabil. 5 Innerhalb weniger Stunden war daraus das Bild eines Todesfalls, einer großen Quarantäne und rund 200 Kontaktpersonen geworden.

Heikel ist Popowas Reise. Sie soll sich einer Anti-Epidemie-Notfallkommission angeschlossen haben, die wegen eines Verdachtsfalls einer besonders gefährlichen Infektion einberufen wurde; die Wortwahl der Behörde wurde später auf Lungenentzündung unbekannter Ursache zurückgenommen. Der Chef der Nachbarrepublik Burjatien, Alexej Zydenow, schrieb Berichten zufolge zunächst, sie sei an der Pest gestorben, änderte seinen Beitrag dann auf „möglicherweise“ und bestritt, dass sie in Burjatien gewesen sei. 44 Möglicherweise haben die Behörden zunächst eskaliert und deeskaliert, nachdem Testergebnisse vorlagen. Das ist eine plausible Lesart, aber nur ein veröffentlichtes Ergebnis könnte sie belegen.

Zwei Darstellungen, die sich nicht vereinbaren lassen

Zur Ursache berichtete NBC News am 5. Oktober, sie sei an vermuteter Lungenpest gestorben, während die russischen Behörden von einer Lungenentzündung unbekannten Ursprungs sprechen. FRANCE 24 berichtete am selben Tag, die Aufsichtsbehörde habe keine Hinweise gefunden, dass Erreger, mit denen sie arbeitete, die Ursache waren. 1 2 Die Bezeichnung Pest stammt aus unbestätigten Berichten.

Zu einem Laborunfall berichtete The Independent, sie habe beim Entnehmen von Proben ein Reagenzglas mit dem Erreger zerbrochen; die Zeitung stufte diese Darstellung als mäßig sicher ein. ABC News berichtete, die russische Behörde für Infektionskrankheiten bestreite einen Unfall und erklärte, es seien keine weiteren Infektionen festgestellt worden. 4 3 Ein lokales Medium, Ljudi Baikala, datierte den Vorfall mit dem Reagenzglas unter Berufung auf namentlich nicht genannte Quellen auf den 25. September; zudem kursierte eine frühere Geschichte über eine Auslandsreise. Keines von beidem haben die Behörden bestätigt. 44

Eine Quarantäne, die niemand abbilden kann

Zahlen und Schließungen passen nicht zusammen. Russischen Berichten zufolge werden knapp 200 Menschen beobachtet, mehr als 100 davon auf Krankenhausstationen. Eine regionale Aufschlüsselung, die keine amtliche Zählung ist, nennt etwa 197 Kontaktpersonen und etwa 189 Hospitalisierte: rund 114 in einem Krankenhaus, 63 in einem anderen und 12 im Institut. 4 44

Schelechows Bürgermeister Maxim Modin bestätigte, dass die stationäre Abteilung des Kreiskrankenhauses unter Quarantäne steht, ohne reguläre Aufnahmen oder Entlassungen, während die Ambulanz geöffnet bleibt. Mindestens drei Krankenhäuser sagten ABC, sie stünden unter Quarantäne. 44 3 Ein Medium berichtete von dreiwöchigen Quarantänen in mehreren Krankenhäusern der Stadt Irkutsk, doch am 5. Oktober bestritten mehrere dieser Krankenhäuser öffentlich eine Schließung und erklärten, in der Stadt sei keine Lungenpest bestätigt worden. 43 Eine Reisewarnung für Schelechow wurde veröffentlicht und dann gelöscht. 44

Unabhängige russische Medien berichten, das Institut sei seit dem 2. Oktober abgeriegelt, etwa 60 Mitarbeiter schliefen auf Böden und Stühlen. Das ist eine einzelne Meldung, die Behörden haben sie nicht bestätigt. 2 10

Im Ausland: beobachten, nicht beunruhigt

Die Weltgesundheitsorganisation erklärt, sie stehe in Kontakt mit russischen Stellen, um den Vorfall, die Umstände und die Labortests zu überprüfen. Nach inoffiziellen Informationen erscheine das Risiko für die Allgemeinbevölkerung gering. Das US-Außenministerium erklärt, es beobachte die Lage gemeinsam mit der CDC, viele Details seien unbestätigt, und es habe Russland aufgefordert, genaue Informationen rasch und offen zu teilen. 18 40 Die Europäische Kommission beobachtet die Lage gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Kasachstan bezeichnet sein Risiko als sehr gering, hat aber die Gesundheitskontrollen an der Grenze verschärft. 44

Ich glaube nicht, dass es Grund zur Beunruhigung ist, aber es ist Grund zur Konzentration.

Marco Rubio 17

Der Infektionskrankheiten-Experte Amesh Adalja sagte, die Pest sei mit Antibiotika behandelbar, und die Hauptsorge gelte der Transparenz Russlands. 1 Weder Washington noch die WHO behandeln dies als Ausbruch, und das Fehlen jeglicher gemeldeter Folgefälle stützt diese Zurückhaltung. Dasselbe Fehlen wirkt aber auch in die andere Richtung. Eine so umfangreiche Reaktion bei so dünnem Befund lässt Außenstehende auf das Wort Moskaus angewiesen.

Bekannt

  • Rospotrebnadsor bezeichnet die Diagnose als Lungenentzündung unbekannter Ätiologie und erklärt, die Pest sei nicht die Ursache gewesen. 1112
  • Eine 28-jährige Institutsmitarbeiterin wurde Berichten zufolge am 29. September ins Krankenhaus eingeliefert und starb in den frühen Morgenstunden des 2. Oktober. 49
  • Die stationäre Abteilung des Kreiskrankenhauses Schelechow steht unter Quarantäne, bestätigte der Bürgermeister. 44
  • Die WHO und das US-Außenministerium erklären, sie beobachteten und überprüften die Lage; beide beschreiben das Bild als nicht vollständig bestätigt. 1840

Unbekannt

  • Woran sie starb, da kein öffentliches Laborergebnis einen Erreger nennt.
  • Ob es einen Laborunfall gab, angesichts der unbestätigten Darstellung mit dem Reagenzglas und der offiziellen Dementis.
  • Wie viele Menschen isoliert sind und welche Krankenhäuser tatsächlich geschlossen sind.
  • Ob die Mitarbeiter des Instituts vor Ort festgehalten werden.

Als Nächstes

  • Ein veröffentlichtes Laborergebnis oder die Identifizierung eines Erregers.
  • Weitere Zahlen zu Kontaktpersonen und Entlassungen aus der Isolation, einschließlich etwaiger dreiwöchiger Quarantänen.
  • Umfassendere Offenlegung gegenüber der WHO oder der Öffentlichkeit sowie jede Kontaktperson, die erkrankt.

Begriffe

Rospotrebnadsor
Russlands föderale Verbraucherschutz- und Gesundheitsaufsichtsbehörde, die Stelle, die sich in dem Fall offiziell äußert.
Lungenpest
Die Lungenform der Pest, ausgelöst durch das Bakterium Yersinia pestis und mit Antibiotika behandelbar. Sie wird hier nur in unbestätigten Berichten vermutet.
Schelechow
Eine Trabantenstadt von Irkutsk, in der das Institut seinen Sitz hat.
Wie ausgestrahlt 13 Zeilen
  1. A 28-year-old anti-plague institute worker is dead, and nearly 200 people are in medical isolation.
  2. The institute works on plague, and Russia's health watchdog insists she did not die of it. Yet hospital wards are locked down, and the watchdog's chief reportedly flew to the region.
  3. So what killed her, and why is the response so much bigger than the official explanation?
  4. Just under 200 people are under medical observation, and more than 100 of them are being monitored in hospital wards. One regional breakdown, not an official count, lists about 197 contacts and about 189 hospitalized for observation: roughly 114 in one hospital, 63 in another and 12 at the institute. The watchdog's summary of tests among contacts found two COVID-19 cases, two rhinovirus infections and no other infectious agents, and monitoring has already ended for about 60 percent of them.
  5. She was hospitalized on September 29 with severe pneumonia of unknown cause, put on a ventilator, and died in the early hours of October 2. Some accounts say the night of October 1 to 2. She is reported as Darya Shipilova, though spellings vary, and she worked at the institute in Shelekhov, a satellite town of Irkutsk. No medical record has been published.
  6. The official account has hardened into a flat denial. The watchdog says expanded testing of her samples found no microorganisms connected with her work, a commission found no accident involving pathogens at the institute, and there were no infectious-disease cases among staff in the previous ten days. It calls the situation in the Irkutsk region, Irkutsk and Shelekhov stable. Governor Igor Kobzev says identified contacts show no signs of illness and have negative lab results. Kremlin spokesman Dmitry Peskov told the public to disregard rumors and speculation, and a former watchdog head, Gennady Onishchenko, says it was most likely not plague and that even if it were, spread would be unlikely.
  7. The official line has not always been this firm. Watchdog head Anna Popova reportedly flew to Irkutsk and joined an emergency regional anti-epidemic commission convened over a suspected case of a particularly dangerous infection. The wording was later walked back to pneumonia of unknown cause. And the head of neighboring Buryatia, Alexey Tsydenov, first wrote that she died of plague, then edited his post to say possibly, and denied she had been in Buryatia.
  8. One account of how she fell ill involves a broken test tube of the plague pathogen. One local report dates that to September 25, citing unnamed sources, and a different story, about a trip abroad, also circulated. Officials have confirmed neither. The watchdog and Russia's infectious disease agency deny any accident.
  9. Which hospitals are actually shut is not settled. Shelekhov's mayor, Maxim Modin, confirmed the inpatient ward of the district hospital is under quarantine, with no routine admissions or discharges, while its outpatient clinic stays open. At least three hospitals have confirmed they are quarantined, and a maternity facility is reportedly closed too. One outlet reported three-week quarantines at several Irkutsk city hospitals, but on October 5 several of them publicly denied closure and said no pneumonic plague had been confirmed in the city. A travel warning against Shelekhov was posted, then deleted. The institute itself is reportedly locked down, with about 60 staff sleeping on floors and chairs, a claim officials have not confirmed.
  10. Abroad, the World Health Organization is in contact with Russian officials to verify the event, the circumstances and the lab tests. On unofficial information, it says the risk to the general population appears low. The US State Department is monitoring with the CDC, says many details are unconfirmed, and has urged Russia to share accurate information quickly and openly.
  11. Secretary of State Marco Rubio, who had voiced concern the illness could spread, struck that measured tone on October 5. The White House says it is monitoring and assessing options, and a US official notes travel between the two countries is limited. The European Commission is monitoring with the European Centre for Disease Prevention and Control, and Kazakhstan, calling its own risk very low, has tightened sanitary controls at its border. Infectious disease expert Amesh Adalja says plague is treatable with antibiotics, and that the main worry is Russia's transparency.
  12. So what killed her? Nobody has shown. No public lab result identifies a pathogen, and plague is neither confirmed nor ruled out by any independently verifiable test. The gap between an official denial and a response that isolates roughly 200 people remains unexplained.
  13. Four developments would settle it: a published lab result, the release of isolated contacts, fuller disclosure from Russia or the World Health Organization, and whether any contact falls ill.

Quellen

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